Zahnärzte werden oft mit Ergebnissen häuslicher Gewalt konfrontiert


Neuer Befundbogen hilft bei der Dokumentation

DÜSSELDORF (Biermann) – Zahnärzte in Nordrhein-Westfalen (NRW) wollen jetzt mit der Aktion „Gemeinsam gegen häusliche Gewalt – Befundbogen forensische Zahnmedizin“ verstärkt gegen häusliche Gewalt aktiv werden – denn die zeigt einen hässlichen Aufwärtstrend. Allein in NRW wurden vergangenes Jahr 23.000 Fälle von häuslicher Gewalt angezeigt, die Zahl der tatsächlichen Fälle dürfte deutlich höher liegen.

„Die Zahl der Verletzungen durch häusliche Gewalt ist in den letzten Jahren stark gestiegen“, beklagt Dr. Dr. Claus Grundmann, Forensikexperte und Leiter des Gesundheitsamtes Duisburg. „In Großstädten wie Duisburg sehen die Kollegen in den Kliniken mindestens einmal pro Woche ein Kind mit Brandverletzungen aufgrund häuslicher Gewalt. Die Dunkelziffer ist erschreckend hoch.“

Da abgebrochene Zähne und Brüche im Kieferbereich anders als etwa Prellungen unbehandelt nicht heilen, bekommt der Zahnarzt oft als erster und zum Teil auch als einziger Mediziner die Opfer von familiärer Gewalt zu Gesicht.

Die Aktion von Zahnärztekammer (ZÄK) und Kassenzahnärztlicher Vereinigung (KZV) Nordrhein, der sich auch die ZÄK und die KZV Westfalen-Lippe angeschlossen haben, wird von NRW-Gesundheitsministerin Barbara Steffens (Grüne) als Schirmherrin unterstützt.

Weitere Unterstützer sind der Kinderschutzbund, das Gesundheitsamt Düsseldorf und der Arbeitskreis für Forensische Odonto-Stomatologie (AKFOS) der Deutschen Gesellschaft für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde (DGZMK). Auftakt der Aktion war am 15. September in Düsseldorf.

Laut ZÄK NR lassen sich 60 bis 80 Prozent aller Verletzungen aufgrund von häuslicher Gewalt im Mund-Kiefer-Gesichtsbereich diagnostizieren. Um den Blick für häusliche Gewalt zu schärfen, bietet die Kammer Fortbildungen zur sicheren Erkennung von Verletzungen durch häusliche Gewalt an, einen speziellen „Befundbogen forensische Zahnmedizin” zur umfassenden und vor Gericht verwertbaren Dokumentation typischer Anzeichen häuslicher Gewalt sowie Informationen über weitere Hilfsangebote für die Opfer.

„Für eine spätere strafrechtliche Verfolgung kann eine frühzeitige Dokumentation von entscheidender Bedeutung sein. Manche Spuren von Gewalt, insbesondere im Schleimhautbereich der Mundhöhle, sind nur wenige Tage nachweisbar. Hier hilft der Befundbogen, diese sofort und umfassend zu dokumentieren", erklärt der Vizepräsident der ZÄK Nordrhein Dr. Ralf Hausweiler. „Für uns ist wichtig, darauf hinzuwirken, dass die Opfer weitere Hilfe in Anspruch nehmen. Eine vor Gericht verwertbare Dokumentation kann sie auf dem Weg heraus aus der familiären Gewalt unterstützen.”

In den meisten Fällen sei es ratsam, die erhobenen Befunde mittels Fotoapparat zu dokumentieren, rät der Forensikexperte Grundmann. Wichtig dabei: das temporäre Aufbringen eines Maßstabs. Je nach Verletzung sollten – zusätzlich zur schriftlichen Befunderhebung und Fotodokumentation – eine Röntgendiagnostik und gegebenenfalls eine Abdrucknahme der Kiefer erfolgen. Zur Wahrung höherer Rechtsgüter könne der Zahnarzt, wenn er den Verdacht hat, dass eine Straftat (Körperverletzung) vorliegt, die (Kriminal-)Polizei informieren.

Allerdings warnt Grundmann eindringlich davor, eine Interpretation und/oder juristische Wertung der erhobenen Befunde vorzunehmen, denn es bedürfe zum Beispiel einiger Routine, um schlagbedingte Verletzungen von sturzbedingten Körperschädigungen abzugrenzen. Er empfiehlt, dass dies der (sich in der Regel anschließenden) rechtsmedizinischen Untersuchung und Begutachtung vorbehalten bleibt.

Den Befundbogen gibt es hier.

Quellen: Gesundheitsministerium NRW, Mitteilung vom 15. September 2011, ZÄK NR, Mitteilung vom 12. September und pdf „Präzise Dokumentation“

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