Wenn Arbeit psychisch krank macht

Balance zwischen Verausgabung und Belohnung ist wichtig

OLDENBURG (Biermann) – Dass Arbeiten nicht nur auf die Knochen, sondern auch auf die Psyche gehen kann, ist nichts Neues. Doch nicht jedem ist bewusst, dass sich die Arbeitsstrukturen sowie die Form der Arbeit in den letzten 20 Jahren rasant gewandelt haben.

Das bisherige Arbeitsschutzgesetz orientiert sich an klassisch abhängig Vollzeitbeschäftigten, während heute befristete Arbeit ebenso in die Arbeitswelt gehört wie z.B. Teilzeit- oder Zeitarbeit bzw. geringfügige Beschäftigung.

So lautete denn auch das Thema einer gemeinsamen Tagung der Kooperationsstelle Hochschule/Gewerkschaften und der Jade Hochschule „Psychische Belastungen in der Arbeitswelt – Ansätze zur Primärprävention“

„Wir erleben unglaubliche Umbrüche, die nicht spurlos an den Arbeitnehmern vorbeigehen“, erklärte Prof. Frauke Koppelin von der Jade Hochschule.

„Die Ausweitung und Durchdringung der Arbeitswelt mit moderner Kommunikationstechnologie, hoher Flexibilisierung, Entgrenzung der Arbeit, mehr Verantwortung für den Einzelnen, deutlicher Beschleunigung der Arbeitsprozesse, zunehmender Lernanforderungen, neuer Arbeitsformen, verbunden mit beruflicher Unsicherheit kennzeichnen die Entwicklung“, fasste Koppelin zusammen. 50 Prozent der Beschäftigten klagen über Termin- und Leistungsdruck und arbeiten durchschnittlich 43 Stunden pro Woche, wie eine Studie belegt.

Koppelin stellte erste Ergebnisse aus dem Forschungsprojekt PsychGeA an der Jade Hochschule vor. Basierend auf Daten einer großen Krankenkasse hinsichtlich psychischer Erkrankungen kam sie zu dem Ergebnis, dass vor allem Beschäftigte im Dienstleistungsbereich erheblich stärker betroffen sind als Beschäftigte anderer Bereiche.

Außerdem sind die Erkrankten vergleichsweise jung, was u.a. mit dem hohen psychischen Anforderungen an den Berufseinstieg und der Vereinbarkeit von Beruf und Familie zusammen hängen kann. Mit dem Einstieg ins Rentenalter nimmt die Wahrscheinlichkeit, eine psychische Erkrankung zu haben, wieder ab.

„Obwohl das Arbeitsschutzgesetz die Gesundheit in der Arbeit umfasst und auf Veränderungen in der Arbeitswelt reagieren soll und Betriebsräte weitreichende Mitbestimmungsrechte besitzen, mangelt es an präventivem Arbeitsschutz“, erklärte Dr. Elke Ahlers von der Hans Böckler Stiftung Düsseldorf. „Der Arbeitsschutz ist sicherheitsgerecht, aber nicht ausreichend menschengerecht. Gefährdungsbeurteilungen zur Erfassung psychischer Belastungen gibt es nur selten, obwohl das Gesetz sie vorsieht.“

Das soll an mangelndem Knowhow liegen, an unklaren Verantwortlichkeiten, an mangelndem Nutzen und an zu viel Aufwand, meinen befragte Betriebsräte laut einer Untersuchung.

Dr. Karina Becker von der Universität Jena erinnerte an eine EU-Rahmenrichtlinie, „wonach die Gesunderhaltung nicht wirtschaftlichen Überlegungen untergeordnet werden darf.“ Gleichwohl würden Kosten, Risiken und Verantwortung zunehmend auf Arbeitnehmer übertragen.

Die Einflüsse durch veränderte Arbeitsprozesse und die gleichzeitigen Abstriche bei der Qualität der Arbeit würden immer mehr Beschäftigte psychisch schwer belasten. „Tatsächlich kommt es auf die Balance zwischen Verausgabung und Belohnung an“, machte sie abschließend klar.

Quelle: Jade Hochschule - Wilhelmshaven/Oldenburg/Elsfleth, 07.12.2016



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